Taifun aus heiterem Himmel
[© Thomas Gasser]
Seit Wochen hatten wir in Pisalayan wunderschönes Wetter. Wie meistens im Frühjahr wurden wir mit einem angenehmen milden Wetter verwöhnt, mit konstanten Luft-Temperaturen um 28°. Ein herrliches Badewetter in der Laguna vor unserem Strand bei angenehm warmem Wasser. In den Philippinen ist das Wetter von Weihnachten bis Mitte Juni meistens schön und trocken. Ab und zu bedeckt sich der Himmel mit durchziehenden Wolkenfeldern, doch selten gibt es Niederschläge.
Ganz besonders schön und absolut wolkenlos war aber die Zeit im Frühjahr 1996 als der von einem Japaner entdeckte und nach ihm benannten Komet Hyakutake über den ganzen Himmel zog. Noch nie habe ich einen so klaren herrlichen Kometenschweif gesehen, der von unserer Insel ausgesehen sich etwa von Manila nach Hongkong erstreckte.
Es war an einem Dienstag im Januar 1996. Das Datum lässt sich ermitteln, falls es jemand genauer wissen möchte, denn erst seit einigen Tagen war dieser Komet in den Philippinen sichtbar und wir haben auf Pisalayan die Ankunft dieses Kometen mit besonderer Spannung erwartet. Nach einem arbeitsreichen Tag, den wir hauptsächlich dafür verwendeten um die Ufermauer zu verbessern, eine Tätigkeit die gewöhnlich nach der Taifunzeit in einer Trockenperiode verrichtet werden muss, begab sich das Pisalayan Team um 7.00 p.m. zum Nachtessen, welches Cooks, der Schwager von Jhun vorbereitet hatte. Das Essen, ein Lapulapu war wie immer köstlich. Der Fisch war uns am Morgen von Boy o'Rock geschenkt worden. In der Nacht zuvor hat er ihn gefangen und in einem Wasserbehälter gebracht. Ein frischer Fisch in einer herrlichen Sauce gekocht von Cooks ist immer ein Festessen. Neben vielen andern Zutaten gab es äusserst schmackhafte Tomaten, überbackene Auberginen und zum Dessert reife Mangos. Dazu ein San Miguel Bier für jeden.
Nach dem Essen vergnügten wir uns, nämlich Jhun, Boy o'Rock, Cooks und ich, die Zeit mit dem amüsanten und für alle leicht verständlichen UNO Spiel. Leider erlaubt mir meine sprichwörtliche Bescheidenheit nicht, zu sagen wer gewonnen hat.
Meistens gehen wir abends etwa um 9.30 p.m. schlafen. Auch an diesem Tag war Routine angezeigt. Meine drei Gefährten begaben sich zum Floatinghouse, einem kleinen Häuschen auf einem Floss in der Lagune in der Nähe des Strandes. Da es dort etwas kühler war als in ihrem Haus, schliefen sie seit einigen Tagen dort. Ich selber begab mich zu meinem Bungalow, nahm noch eine Dusche und legte mich nach dem Zähneputzen kurz vor 10.00 schlafen. Dabei liess ich mich durch das Getöse von herunterfallenden ausgetrockneten Blättern der Umbrella-Bäume nicht stören. Ich hatte mich daran gewöhnt. Anfänglich, als ich vor über zehn Jahren anfing auf Pisalayan zu leben, wurde ich nachts durch das Herunterfallen von diesen Blättern aufgeschreckt. In Europa werden die Blätter im Herbst welk und weich, sie fallen lautlos zu Boden. Diese ausgetrockneten, braunroten Umbrella-Baumblätter fallen in dieser Jahreszeit hart wie Holzstücke auf den Boden, das Hausdach und verursachen ein beachtliches Geräusch. Doch wie gesagt, längst hatte ich mich daran gewöhnt und nahm es kaum mehr wahr und sehr bald befand ich mich nach dem anstrengenden Tag im Halbschlaf.
Plötzlich aber war ich hell wach. Ein ungewohntes Geräusch! Es trommelte auf das Dach. Es regnete. Unmöglich, das kann doch nicht wahr sein. Seit zwei Wochen war der Himmel klar und ohne jede Wolke. Ungefähr vor einer halben Stunde habe ich noch die Bahn des Kometen beobachtet, der nahezu den ganzen Himmel durchzog, noch vor einer halben Stunde war der Himmel so weit man blicken konnte rundherum wolkenlos. Und jetzt Regen. Rasch sprang ich in meine Hose und trat vor mein Haus. Ich wurde nass und ich war sprachlos. Genau über unserem Grundstück Pisalayan befand sich eine kleine graue Wolke. Kaum höher als eine Kirchturmspitze nur wenige Meter über den beiden, den Strand links und rechts flankierenden Korallenhügeln. Diese seltsame Wolke muss sich genau hier über Pisalayan in der letzten halben Stunde gebildet haben.
Auch drüben im Flosshaus regte sich jemand und ich hörte Jhun rufen: "Sir, es regnet"
"Tatsächlich", rief ich zurück, "unglaublich", obwohl kaum ein Wind zu spüren war, schwebte die graue kleine Wolke langsam zum Strand hinunter, über das Flosshaus hinweg ins Meer hinaus. Es dürften etwa zehn Minuten vergangen sein, die Wolke befand sich etwa 300 m vom Strand und nur etwa 150 m vom Flosshaus entfernt, wo sich Jhun mit seinen Freunden aufhielt. Da erlebten wir ein Naturschauspiel, das ich nie mehr vergessen werde. Plötzlich stand zwischen dem Meer und der Wolke eine Säule aus Wasser. Die Wolke soff regelrecht direkt Wasser aus dem Meer, begleitet von einem unwirklichen, unheimlichen Schlürfgeräusch. Zusehends verfärbte sich die Wolke von grau in schwarz. Während etwa fünf Minuten sog sie riesige Wassermengen in sich hinein. Als die Wolke pechschwarz geworden war, wurde der Hahn ebenso plötzlich abgestellt, wie es begonnen hat. Noch eine Zeitlang beobachtete ich die Wolke, die langsam über die Lagune und das 3 km entfernte Riff in das offene Meer hinauszog. Kaum ein Wind war zu spüren.
Auch Jhun hatte das Phänomen beobachtet und wir diskutierten anschliessend zusammen mit unseren Freunden dieses Ereignis. Viele Geschichten wurden erzählt. Jeder wusste aus seiner Familie oder von Bekannten die ähnliche, gefährliche und sogar tödliche Erlebnisse hatten. Von Booten die im plötzlichen Strudel hinausgerissen und anschliessen wieder auf das Meer runtergeschmissen wurden. Es wurde sogar von einer Wolke berichtet die mit dem Wasser auch Fische in die Wolke zog, um sie dann später über Baguio im Regen wieder runterzulassen. Diese Wolken entstehen plötzlich und unvoraussehbar, bei praktischer Windstille. Wie Blitze aus heiterem Himmel. Selbst in kurzen Entfernungen werden sie nicht wahrgenommen. Es zeigte sich auch bei unserer Wolke, dass im ca. 15 km entfernten Bolinao niemand diese Wolke wahrnahm.
Wir haben uns in den anschliessenden Diskussionen gefragt, ob dies nicht eine Erklärung für die Vorkommnisse im Bermuda Dreieck sein kann. Natürlich in etwas grösserem Stil. Unser Minitaifun wäre sicher nicht in der Lage gewesen ein grösseres Schiff empor zu reissen. Wäre es aber nicht denkbar, dass im Bermuda das Gleiche passiert, nur erlauben die Bedingungen im weit grösseren Bermuda Dreieck auch grössere Taifune? Nichts spricht gegen diese Theorie. Wer den Notschrei der verschollenen Flugzeuge gehört hat: "Wir haben die Orientierung verloren, rundum Wasser..." Die Flugzeuge lassen sich nicht mehr manövrieren. Vielleicht braucht es für diese Art Taifun: "Plötzlich, eigenständig und ohne atmosphärische Störungen ausserhalb des direkten Taifun- Bereiches" auch einen neuen Namen, z.B. Taifun aus heiterem Himmel.
Links zum Thema: Bermuda-Dreieck
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